„Ich verrate dir, warum ich heute Abend hierher gekommen bin: Wenn man begriffen hat, dass man den Rest seines Lebens zusammen verbringen will, dann will man, dass der Rest des Lebens so schnell wie möglich beginnt.“*

Das sagt Harry zu Sally nachdem sie über Jahre nur Freunde gewesen sind, obwohl es doch klar war, dass die beiden zusammen gehören. Und ich gebe Harry recht! Wenn ich jemanden mag, dann möchte ich, dass der Mann sofort davon erfährt. Ich möchte meine Gefühle, meine Aufregung, meinen Drang ihn zu küssen nicht zurückhalten, weil Frauen auch heutzutage noch so dumme Sprüche wie: „Mach dich rar, du bist der Star!“, hören.

Sind solche Aussagen nicht völlig veraltet? Muss man als Frau erst vorspielen, kein großes Interesse an einem Mann zu haben, damit man für ihn interessant ist? Nein. Denn ein richtiger Mann weiß, was er will und muss nicht erst die Möglichkeit haben, die Frau zu jagen, um irgendwann darüber nachzudenken, ob er sich mit ihr mehr vorstellen kann.

Zu alt für Spielchen

Hat man nicht ab einem gewissen Alter einen Punkt erreicht, an dem man sich nicht mehr jagen lassen muss? Ich kann einen Mann einmal treffen und einschätzen, ob dieser Mann für mich überhaupt interessant ist oder nicht. Habe ich kein weiteres Interesse, kommuniziere ich das entsprechend, was entgegen meiner Intention in vielen Männern die Reaktion auslöst, mich davon überzeugen zu wollen, dass sie super sind und wir uns wirklich noch einmal treffen sollten. Doch offensichtlich scheinen einige Männer überhaupt nichts mit Ehrlichkeit anfangen zu können. Ich möchte nicht gejagt werden, wenn ich sage, dass ich kein Interesse habe, sondern in Ruhe gelassen werden. Dem modernen „Ghosting“ stehe ich skeptisch gegenüber. Als sehr ehrlicher Mensch, finde ich die Kommunikation über Gefühle für Menschen und in bestimmten Situationen sehr wichtig. Ein plötzliches Ignorieren von Nachrichten ist unehrlich und schwach.

Und dann ist da der Eine

Dann gehe ich auf ein Date. Wir trinken einen Kaffee oder einen Wein, gehen gemeinsam auf ein Konzert oder in eine Bar und es klickt. Sofort sind da zig Gemeinsamkeiten und Gedanken, über die wir reden können und es ist eine Anziehungskraft da, die es uns beiden schwer macht, uns nicht zu berühren. Eine kleine Berührung am Arm bei der Unterhaltung oder auch seine Hand auf meinem Oberschenkel – nur für einen ganz kleinen Moment. Und dann küssen wir uns, ich bleibe und wir schlafen Arm in Arm ein. Wir wachen auf, er küsst meine Stirn, lässt mich nicht gehen, ohne vorher gemeinsam einen Kaffee getrunken zu haben und ich weiß: Den Mann will ich wiedersehen. Ich fahre aufgeregt zur Arbeit und denke an dieses besondere Treffen. Ich würde am liebsten gleich wieder zu ihm fahren und weiter reden und lachen. Und dann schreiben wir jeden Tag und er macht mir Komplimente und ist auch in den Nachrichten sehr liebevoll. Ich habe nicht das Gefühl, dass er kein Interesse hat, denn dann würde er ja nicht schreiben. Und dann fragt er sechs Tage nicht nach einem weiteren Treffen und ich werde frustriert. Mit kleinen Hinweisen versuche ich herauszubekommen, wann wir uns wiedersehen und sage offen: „Ich will dich wiedersehen!“ Denn so fühle ich.

Eine Woche nach unserem ersten Date begrüßt er mich mit einem Kuss. Wir sind sofort einander zugewandt, kuscheln und schauen einen Film, so als sei dies nicht erst das zweite Date. Und alles fühlt sich direkt so richtig an. Ich denke nur, so wie er mich ansieht, kann er nur die gleichen Intentionen haben wie ich. Wir liegen die ganze Nacht eng aneinander gekuschelt da. Ob er schläft weiß ich nicht. Ich schlafe nicht, weil ich diesen schönen Moment gerne wach erleben möchte. Mein Herz pocht ohnehin viel zu schnell. Am nächsten Morgen gehe ich Richtung Zug, um zur Arbeit zu fahren. Ich könnte über die Straße tanzen.

Was soll ich denn jetzt machen?

Und dann vergeht die nächste Woche. Wir schreiben jeden Tag, sprechen darüber, wie es auf der Arbeit war, was wir unternehmen und was in den kommenden Tagen geplant ist. Ich scheine nicht mit eingeplant zu sein. Wieder ergreift mich umgehende Frustration und von allen Seiten höre ich verschiedene Meinungen. Ich solle es langsam angehen lassen und mich nicht so stressen. Aber wenn ich jemanden mag, möchte ich nicht über eine Woche warten, bis ich ihn wiedersehe. Ich bin keine Klette. Ich muss ihn nicht jeden Tag sehen. Aber innerhalb einer Woche kann so viel passieren und die gemeinsamen Momente waren viel zu schön, um jetzt aufzuhören.

„Du darfst ihm nicht so viel schreiben“, höre ich dann. „Männer wollen jagen. Mach dich interessant“, kommt von anderen. „Mach dich interessant“ – was für eine Aussage. Wenn ich mich nur dadurch interessant mache, dem Mann nicht zu zeigen, dass ich ihn mag, dann ist er nicht der Richtige für mich. Ich bin zu alt für Spielchen. Ich frage auch nicht gleich nach einer Definition, denn dafür ist es tatsächlich zu früh, aber die Frage nach seiner Intention ist durchaus berechtigt. Einige sind der Meinung, damit verjage man einen Mann gleich. Ein Mann der sich davon verjagen lässt, dass ich wissen möchte, ob unsere Treffen mit dem Grund mich ernsthaft kennenlernen zu wollen und um zu sehen, wohin all diese Anziehungskraft führt, stattfinden oder ob es dabei doch nur um den Spaß geht, möchte ich nicht. Das zeigt Schwäche in Momenten, in denen emotionale Stärke erfordert wird. Über Gefühle und Emotionen kommunizieren zu können zeigt Reife.

Kommunikation ist so wichtig. Und mit einer Frage, warum sich jemand mit mir trifft, kann ich mich auch selber schützen. Warum soll ich erst darauf warten, womöglich verletzt zu werden, weil ich etwas ganz anderes gesehen habe? Wer sagt mir, dass die direkte Konversation über den Stand der Dinge nicht zu etwas wundervollem führen kann? Also warum, soll ich so tun, als sei ich nicht interessiert?

*(Das englische Zitat ist deutlich schöner: „I came here tonight because when you realize you want to spend the rest of your life with somebody, you want the rest of your life to start as soon as possible.“)